Evidenzbasiertes Management – Was?


In letzter Zeit höre ich immer wieder diesen Ausdruck. Zumeist liegt darunter eine begeisterte bis ehrfurchtsvolle Bedeutungsschwingung, die nach „der heilige Gral, das ist der heilige Gral“ klingt. Tja, den zu haben wäre ja nicht übel, also habe ich mal sanft nachgehorcht, was damit denn so gemeint wird.

Treppenhaus
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„Evident“ bedeutet „so unmittelbar einleuchtend, dass es keines Beweises dafür bedarf“, so sieht es der Duden, letzte Instanz der deutschen Standardsprache. Also ist evidenzbasiertes Management ein Management der hohen Plausibilität oder Intuition? Im schönsten business-denglisch also das „Management-by-being-proud-of-ignorance”? Ich hatte sowas befürchtet: Wieder ein Loblied auf die Unwissenheit. Und auch noch stolz auf die eigene Ignoranz, die als Erfahrung, Bauchgefühl und Menschenkenntnis daherkommt.

Aber nein, weit gefehlt! So klang das nämlich bei den begeisterten Jüngern gar nicht. Die zumeist nicht überdurchschnittlich gebildeten Proponenten des reichlich gebildet wirkenden Begriffs waren eher beschwingt durch die Idee, endlich einmal nicht blind in jedes Fettnäpfchen tappen zu müssen, sondern auch mal etwas zu wissen und nicht nur zu fühlen.

Also nochmal hingehört. Und siehe da, man meint genau das Gegenteil! Ein Management, das auf Beweisen basiert. Oha. Und sie machen noch einen Schritt weiter: auf empirischen Belegen. Ich traue mich gar nicht zu schreiben: ein Management, das auf Forschungsergebnissen aufbaut. Das ist der Knaller! Forschungsergebnisse sollen im Management eingesetzt werden. Einfach so und auf ein Mal. Ohne schiefen Blick auf verstaubte Theoretiker und all das.  Mir wurde etwas flau bei diesem Gedanken. Aber wie das so ist mit dem Flauwerden: Manchmal ist nicht so ganz klar, woher der Schwindel kommt. Sollte der Kerngedanke empirischer Forschungslogik tatsächlich in der Praxis der Betriebswirtschaft angekommen sein? Oder sucht man im wilden VUCA-Taumel nach sicherem Boden unter den Füßen und meint, ihn in der Forschung plötzlich gefunden zu haben – auch wenn man sich mit der Natur wissenschaftlicher Erkenntnis eigentlich gar nicht auskennt? Oder ist‘s wieder nur eine Fremdwort-Sau, die durch das geistig kleine Dorf der Buzzword-Junkies getrieben wird?

Wie auch immer. Die Idee ist jedenfalls nicht sonderlich neu, nur das Wort. Wirtschaftswissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Forschung sind zumindest im Prinzip ohnehin anwendungsbezogen, sogar die Grundlagenforschung, die ja auch kein Selbstzweck, sondern eben eine Grundlage – wofür denn wohl? – bilden soll. Ohne Interesse an ihrer Anwendung würde es vermutlich insgesamt keine empirische Forschung geben. Wozu sollte ein Erkenntnissystem dienen, wenn nicht zur Verbesserung des Verständnisses und der Bewältigung des Daseins in all seinen denkbaren Ausprägungen. Insofern zielt die entsprechende Forschung ohnehin (auch) auf evidenzbasiertes Management.

Bereits in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts – das war, als die Welt noch eine Zeitlang ohne die Herren Gates, Jobs und Zuckerberg auskommen musste – wurde das auch sehr explizit formuliert. Große Gestalten der Organisations- und Managementforschung wie Barnard oder Lewin befassten sich nicht nur mit der impliziten Überzeugung, sondern der expliziten Gestaltung der Verbindung von Forschung und Management. Aber die Praxis vergisst schnell. Der Manager sein Studium, der Praktiker die belegte Erkenntnis, der Eilige das Beständige, der Egomane das Allgemeingültige.

Von daher ist der Ruf nach evidenzbasiertem Management der Ruf danach, endlich die Kraft der Wissenschaft zu nutzen, um selbst erfolgreicher zu sein – sei es aus Einsicht, auch Angst vor der Welt oder aus Modegründen. Nicht nonchalant nach Studienende alle „Theorie“ beiseitezuwischen und wie der tumbe Tor alle Fehler seit Beginn wirtschaftlicher Tätigkeit auch selbst machen zu müssen und Erfolg schon darin zu sehen, dass das eigene Vorhaben nicht gänzlich gescheitert ist. Und was kommt dabei herum: in vielen Gebieten, bei vielen Entscheidungen sicher eine gute Unterstützung, eine massive Verbesserung gegenüber dem weit verbreiteten intuitiv-gewohnheitsgesteuerten und unkritisch kopierenden Vorgehen vieler Praktiker. Aber nicht die Sicherheit der idealtypisch besten Lösung. Auch das ist nämlich sowohl evident als auch evidenzbasiert: Im Management gibt es wenig Garantie. Aber bessere und schlechtere Chancen. Und wenn es Evidenz gibt, auf die man sein Handeln basieren kann, wird man wohl seine Chancen verbessern.

Insofern: Lang lebe das evidenzbasierte Management!

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